Presseberichte

Brillantes, leichtes und überaus präzises Spiel

Autor: Manfred Frischknecht
erschienen in der Südwestpresse am 03.02.2014

Im evangelischen Gemeindehaus veranstaltete die Gesellschaft der Musikfreunde gestern Vormittag eine Klaviermatinée mit Katharina Schlenker. Auf dem Programm standen Mozart und Chopin.

Man muss nicht immer Künstler aus weit entfernten Gegenden engagieren, um Musik auf hohem und höchstem Niveau zu vermitteln, denn "das Gute liegt so nah". Was ist das "Gute"? Das "Gute" ist die aus Münsingen stammende, mehrfach mit dem ersten Preis des Bundeswettbewerbs "Jugend musiziert" ausgezeichnete Pianistin Katharina Schlenker. Sie ist seit dem Jahr 2014 "GdM Artist in Residence". Nicht zum ersten Mal hat ihr die Gesellschaft der Musikfreunde Münsingen Gelegenheit gegeben, sich einer breiten Zuhörerschaft zu präsentieren.

Münsingen darf sich glücklich nennen, einer solch hervorragenden Künstlerin Heimat zu sein. Und glücklich durften auch die sehr vielen Zuhörer sein, die am Sonntagmorgen im Evangelischen Gemeindehaus die Matinée besuchten, deren Ausführende Katharina Schlenker war.

Auf dem Programm, das der Klaviersonate gewidmet war, stand als erstes die Klaviersonate Nr. 2 F-Dur Köchelverzeichnis Nr. 280 von Wolfgang Amadeus Mozart. Nach dem mit einem Arpeggio-Dreiklang beginnenden Thema des ersten Satzes folgen Triolen aus gebrochenen Akkorden und die folgenden Staccato-Passagen sowie das zweite Thema wurden von der Pianistin mit einer solchen Brillanz und einer solchen Leichtigkeit präzise auf dem Bösendorfer-Flügel gespielt, dass man meinte, es wäre ein Kinderspiel, obwohl gerade diese Stellen ein enormes virtuoses Können und ein gerüttelt Maß an handwerklicher Arbeit erfordern.

Der zweite Satz, ein Siciliano (das ist die musikalische Form eines italienischen Hirtentanzes, der übrigens nichts mit Sizilien zu tun hat, in der Barockmusik häufig vorkam und auch von Mozart in zahlreichen Werken verwendet wird) ist in der Molltonart gehalten, wodurch eine kummervolle Stimmung ausgedrückt wird.

Diesen Satz mit der fast schmerzhaft-süßen Melodie spielte Katharina Schlenker im 6/8-Takt und den punktierten Rhythmen feinfühlig und mit zarter Hingabe. Im letzten Satz zeichnete sie dann frische Pinselstriche mit einer ungeahnten und forschen Fingerfertigkeit in das Gehör der Besucher und entsprach damit dem Wunsch Mozarts, am Schluss eines Rondos die Hörer hinauszukomplimentieren.

Im zweiten Teil erklang die Klaviersonate Opus 58 von Fr. Chopin. Ob man diese Sonate, die der Komponist selbst als "Konzert ohne Orchester" bezeichnete, als eines seiner monumentalsten einstuft, mag dahinstehen.

Sicher ist, dass dieses Werk nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch was die Darstellung anbelangt, vom Interpreten ein Höchstmaß an Können und künstlerischer Gestaltung abverlangt. Und beidem wurde Katharina Schlenker gerecht. Sie vermochte den durchaus romantischen Charakter dieser Sonate den Zuhörern zu vermitteln. Da gab es keine polnische Folklore, aber eine Fülle von musikalischen Einfällen und Verzierungen, herrlichen Melodien, vielfarbigen Klängen und schwelgerischen Harmonien. Im Scherzo flogen die Finger nicht nur hurtig, sondern fast gespenstisch schnell über die Tasten, um dann im langsamen Teil als Gegensatz wieder Frieden und Ruhe zu stiften. Im Finale mit den dunklen Akkordbergen schlugen die geradezu zauberhaft herabfallenden Tonleiter wie Blitze in die dräuende Landschaft ein.

Es war ein spannendes und mitreißendes Hörerlebnis. So sollte jeder Sonntag beginnen.

 

 

Präzision und Temperament

Autor: ma
erschienen im Reutlinger Generalanzeiger am 02.07.2013

MÜNSINGEN. Schuberts bedrückende Schwermut, Brahms’ endloser Melodienreichtum: Die Gegenüberstellung zweier Gipfelwerke der romantischen Kammermusik, interpretiert von fünf jungen Musikerinnen, erlebten die Münsinger Musikfreunde am Samstag in der Zehntscheuer. Das Faust-Quartett eröffnete den Abend mit Schuberts d-Moll-Quartett »Der Tod und das Mädchen«, im zweiten Teil ergänzte die aus Münsingen stammende Pianistin Katharina Schlenker das Ensemble für Johannes Brahms’ Klavierquintett f-Moll.

Mit ihrer Schubert-Interpretation liefern die vier Streicherinnen ein Meisterstück ab. Erschütternd, atemberaubend bis zum letzten Takt. Grandios ihr Spiel mit der geisterhaften Leere: Mit minimalem Druck streifen die Bogenhaare die Saiten, ein Gänsehaut-Pianissimo an der Grenze des technisch Machbaren. Skizzenhaft bleibt das Dur-Seitenthema im ersten Satz, wie ein Versuch, sich an vergangenes Glück zu erinnern. Schubert schrieb das Quartett mit 27, mit nur 31 Jahren starb er: Spätwerk, Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod.

Eine Intimität, der das Faust-Quartett hochsensibel nachspürt. Im zweiten Satz, dem Schubert sein Lied »Der Tod und das Mädchen« zugrunde legt, erreicht sie ihren Höhepunkt. Vier Instrumente ermöglichen Extreme in Klangfarbe, Dynamik, Ausdruck. Das Quartett reizt sie aus, zelebriert den Kampf – ob den des Mädchens gegen den Tod oder den zweier Seelen in einer Brust – und lässt ihn in versöhnlicher Milde enden. Der vierte Satz nimmt vorweg, was das Publikum auch im Zusammenspiel mit Katharina Schlenker erwartet: punktgenaues Timing in Rhythmik und Artikulation, maximaler Effekt.

Mut zum eigenen Zugang
Das Faust-Quartett hat sich nach einem Zitat Goethes benannt, wonach im Streichquartett »vier vernünftige Leute sich miteinander unterhalten«. Mit Katharina Schlenker kommt in Brahms’ Quintett eine fünfte Gesprächspartnerin hinzu, deren Stimme sich bruchlos in die Rhetorik der Musik fügt. Das große Wort führt niemand: Der Reiz des Stücks liegt in der fehlenden solistischen Dominanz, stattdessen spielt der Komponist sämtliche Konstellationen aus, die zwischen fünf Einzelnen möglich sind.

Offener Klang, sinfonische Fülle: Brahms’ Quintett ist, verglichen mit Schuberts Quartett, der Welt zugewandt, ein berauschender Gesang, wenn auch mit dem Unterton der Wehmut. Die Grenze zwischen Mitgerissensein und Kontrolle loten die Musikerinnen sicher aus. Bei allem Stürmen und Schwelgen meißeln sie klare Konturen heraus. Vor allem das Scherzo ist wohltuend scharfkantig, fast ruppig.

Hier machen sich die unverbrauchte Spielfreude der jungen Musikerinnen und ihr Mut, einen eigenen Zugang zu viel interpretierten Werken zu finden, bemerkbar: Die Streicherinnen reißen die Saiten kernig an und hämmern angriffslustig wie eine Hardrock-Band. Diesen Eindruck verstärkt Katharina Schlenker mit zupackendem Anschlag, punktgenau und perkussiv. Präzision bei aller Emotion und Temperament: Damit überzeugen die Musikerinnen ihr begeistertes Publikum.

 

 

Klarinette und Klavier

Autor: elk
erschienen im Reutlinger Generalanzeiger am 19.02.2013

MÜNSINGEN. Der große Pianist Alfred Cortot beantwortete die Frage nach seiner legendären Bühnenpräsenz mit den Worten: »Ein Meisterwerk kann man auf zwei Arten auffassen, als festes Gebilde oder als Abenteuer. Ein Erfordernis ist es, der Einbildungskraft Raum zu geben, nachzuschaffen, das Werk neu zu erleben. Genau das heißt interpretieren -«

Unweigerlich bewahrheitet sich dieser künstlerische Anspruch, wenn Shelly Ezra und Katharina Schlenker Kompositionen großer Meister für ihr Publikum »neu erlebbar machen«. So wurde das 530. Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde Münsingen für ein zahlreich erschienenes Publikum zum Glanzlicht.

Für die in Münsingen gebürtige Pianistin Katharina Schlenker war es ein »Heimspiel«, dessen Zuhörerschaft sie sich gemeinsam mit Shelly Ezra als gereifte, virtuos gestaltende Interpretin erlebte. Das Duo eröffnete den Abend mit der wunderschönen Rhapsodie für Klarinette und Klavier von Claude Debussy. Ein impressionistisches Stimmungsbild, das schwelgend in einer immensen Palette virtuoser Klangfarben faszinierte.

Jugendwerk von Mendelssohn
Nach dieser vielversprechenden Begrüßung kündigte Katharina Schlenker, die auch moderierte, die Sonate in Es für Klarinette und Klavier des 15-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy an. Die Pianistin fügt sich feinsinnig in den Part der Begleitung und gibt der Klarinettistin Raum für ihre bravourösen Eskapaden. Dazu perlen die Läufe unbeschwert in exakter Fingerarbeit, und in den Arpeggien stützt sie geradezu archaisch die melodischen Linien der Klarinette, die ihrerseits in immenser gestalterischer Amplitude dieses eher schlichte Jugendwerk neu erfindet. Interessant wird es dann im dritten Satz, in dem polyfone Ansätze zu erkennen sind und den das Duo zu einem Lehrstück transparenter Gestaltung des Konstrukts darbietet.

Voller Leidenschaft erklingt die Sonate für Klarinette und Klavier f-Moll op. 120 Nr. 1 von Johannes Brahms. Beginnend mit dem Allegro appassionato verlassen die Interpretinnen die ruhige Bahn des Hauptthemas und bieten schwungvolle wie geistreiche Emotion. In sanfter Wehmut zieht das As-Dur-Andante dahin, sehr schön die innerlich beseelte Figurenzeichnung der Klarinette. Volle Ursprünglichkeit lebt in dem Allegretto grazioso des dritten Satzes. Ganz Spiel und Bewegung ist dagegen der Schlusssatz, bei dem das Duo so vergnüglich mit den ersten drei Noten seines Hauptsatzes umzugehen weiß.

Ein Bravourstück für die leichtfüßig selbstverständliche Virtuosität bedeutete die Darbietung der Konzert-Paraphrase über Motive aus Verdis Oper »Rigoletto«. Gerade so, als improvisiere sie selbst über die facettenreichen Liebe-Schmerz-Gefühle Rigolettos spielte sich die Klarinettistin mit den allseits bekannten Melodien in die Herzen ihres Publikums.

»5 Bruchstücke« von Widmann
Seine Aufgeschlossenheit gegenüber zeitgenössischer Musik zeigte das Ensemble mit der Darbietung der »5 Bruchstücke für Klarinette und Klavier« des Professors an der Musikhochschule Freiburg, Klarinettisten und Komponisten Jörg Widmann. Spontane Reaktionen aus dem Publikum belegen, wie empathisch die Zuhörer die unkonventionellen Möglichkeiten der Klangerzeugung im Dialog zwischen Blas- und Tasteninstrument genossen. Grille Pfeiftöne erzeugte die Klarinettistin, während die Pianistin sich aufmachte, die Saiten ihres aufgeschlagenen Bösendorfers zu aktivieren. Andererseits stellte die Komposition höchste Ansprüche an die Treffsicherheit in extremen Lagen an die Pianistin, die dieser Herausforderung mit musikantischer Freude gerecht wurde.

Abschließend präsentierte das Duo die Sonate für Klarinette und Klavier von Francis Poulenc und zeigte damit ein musikantisches Feuerwerk ohnegleichen! Der Applaus war frenetisch.

 

 

Drei in großer Homogenität

Autor: elk
erschienen im Reutlinger Generalanzeiger am 13.02.2012

MÜNSINGEN. Mit dem Konzert des Weimarer Klaviertrios anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Gesellschaft der Musikfreunde Münsingen (GdM) gelang ein Glanzlicht innerhalb der mittlerweile 527 Konzerte der Reihe. Ein großes Publikum - die zuletzt Kommenden erhielten nur noch mit Mühe einen Sitzplatz - feierte begeistert die jungen Solisten.

Für die Pianistin Katharina Schlenker war es ein »Heimspiel«, in dem sie ihre technische Reife und ihre kammermusikalische Sensibilität ganz der Gestaltung der Werke widmete. Mit ihrem Ensemble präsentiert sie kongenial Mendelssohns Klaviertrio Nr. 1 in d-Moll. Zarte gesangliche Linien entstehen im Dialog von Violoncello und Klavier, überhöht von der Geige. Angelika Löw-Beer, Violine, und Lukas Dihle, Violoncello, bilden diese »Gegenschicht« zum Klavier in bewundernswertem Gleichklang.

Von Mendelssohn zu Piazzolla
Generell ist die Tonführung des Ensembles ihre große Klasse. Im höchste Virtuosität fordernden Klavierpart glänzt Katharina Schlenker mit duftigen Glanzlichtern, gestaltet feine melodische Linien; Lukas Dihle schwelgt in dicht geführten Kantilenen, die durch die Violinistin Angelika Löw-Beer intensiv zum Tragen kommen. Als Zuhörer fragt man sich: Spielt sie Flageolett, spielt sie mit Dämpfer? Und stellt dann fest, dass sie ausschließlich mit ausgefeilter Bogentechnik feinste Klangunterschiede gestaltet.

Als Nächstes stand Astor Piazzolla auf dem Programm. Nach dem virtuosen Beginn erwartete man zurecht Hochgenuss von »Inverno« (Winter) und »Otono« (Herbst) aus »Las Cuatro Estaciones Porteñas« (die vier Jahreszeiten von Buenos Aires). Temperamentvoll angegangen, kontrastreich gestaltet im Spannungsgefüge zwischen vorandrängender Rhythmik und seelenvollen Kantilenen füllte die Herbst-Impression den Klangraum, wonach in unkonventioneller Tongebung der Winter sich ausbreitete - höchst virtuos und stimmig.

Schwebende Brahms-Klänge
Nach der Pause durfte man sich auf das Klaviertrio H-Dur Opus 8 von Brahms freuen. Vier Sätze, der erste und dritte in H-Dur, der zweite und vierte überwiegend in h-Moll. Das gibt dem Ganzen etwas Schwebendes, Doppelgesichtiges. Intuitiv kann sich der Zuhörer beim Genuss der Interpretation durch die »Weimarer« in diesen Schwebezustand versetzen. Wie fein singt Katharina Schlenker im Allegro das Thema. Im Scherzo dann stimmt der Cellist das Thema an, übernommen vom Klavier.

Der langsame Satz gehört der Geige. Angelika Löw-Beer präsentiert eine wunderschön klang- und melodiegebundene Darstellung dieses thematischen Gedankens, gemeinsam mit Katharina Schlenker, die mit großer Klavierfülle begleitet. Unruhevoll beginnt das Trio den Schlusssatz und führt ihn konsequent weiterschwingend zum Finale.

Technische Perfektion, künstlerische Gleichwertigkeit der Musiker und Homogenität sind bewundernswertes Kennzeichen dieses Ensembles, das auf eine große Zukunft hoffen kann.